Systematik der Meditation

Es gibt zahlreiche Meditationsansätze. Befaßt man sich erstmals theoretisch mit dem Thema, entsteht Verwirrung, weil „in der Packung nicht immer drin ist, was außen draufsteht“. Ein gewisses Maß an Struktur tut der Sache gut und erspart möglicherweise jahrelanges frustrationsreiches Umherirren.

Allen Formen der Meditation ist gemeinsam, daß sich der Meditierende auf etwas, ein Objekt, konzentriert. Eine Kategorisierung wird ermöglicht durch die Benennung der Meditation nach ihrem Konzentrations-Objekt: Atem-Meditation, Körper-Meditation, Metta-Meditation (Meditation, die auf die Entwicklung liebender Güte gerichtet ist), Achtsamkeits-Meditation.

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Ablauf

Verabschieden Sie sich möglichst schnell von der Vorstellung, Meditation könnte etwas mit Ausruhen zu tun haben. Verabschieden Sie sich aber auch von definierten Zielen, die Sie mittels Meditation erreichen wollen. Denn Meditation funktioniert nur, wenn sie in intentionslosem Üben besteht. Sobald Sie ein Ziel damit verknüpfen, wird nichts geschehen: rausgeworfene Zeit und Anstrengung sind die Folge, Frustration,- und schließlich die Aufgabe der Meditationspraxis.

1Immer beginnt die Meditation mit der Konzentration auf ein Objekt, wofür ein gehöriges Maß an Disziplin erforderlich ist. Das Objekt könnte sein

  • ein Gegenstand (Bild, Skulptur, oder eine Vorstellung davon)
  • eine Silbe oder ein Wort (Mantra)
  • ein Satz (gesprochen oder gedacht)
  • eine Sinneswahrnehmung (Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen)
  • eine körperliche Empfindung (Berührung, Temperatur), zentralnervös
  • ein körperlichen Vorgang (Atmung, Herzaktion), vegetativ gesteuert
  • ein Gedanke
  • eine Vorstellung
  • eine Erinnerung
  • ein Gefühl

Beim Thema Konzentration entstehen leicht Mißverständnisse. Wieso Konzentration? Wieso Diszipliniertheit? Wie verträgt sich das mit der Vorstellung, dass man sich beim Meditieren entspannt und ausruht? Antwort: diese Vorstellung ist falsch. Konzentration (und nicht Beruhgung) ist die Methode, um einen meditativen Zustand zu erreichen. Sie ist unabdingbare Eingangsbedingung und immer mit Anstrengung verbunden. Das hat nichts mit Ausruhen zu tun.

Eine solche Ruhe nennt man auch konzentative Entspannung. Sie entsteht im Rahmen einer organismischen Umstellung vom Arbeitsmodus in den Erholungsmodus. Der Erholungsmodus ist bedeutsam, weil er Lernen weit besser zuläßt als ein angespannter Zustand. In der spirituellen Literatur wird der Prozeß mitunter auch als Erdung bezeichnet. Der Erholungsmodus verleitet dazu, sich ihm hinzugeben, zu sinken. Wenn das geschieht, ist es erforderlich, sich umgehend „zurückzurichten“, die Konzentriertheit wieder anwachsen zu lassen.

Es ist also keineswegs so, dass sich der Meditierende nur in einer Richtung bewegt mit einem disziplinierten/konzentrierten Beginn, weg von der Angespanntheit und hin zur Entspannung. Vielmehr sucht der Meditierende eine Balance zwischen diesen beiden Polen: geistige und körperliche Ruhe, kein Angespanntsein mehr, aber auch keine Schläfrigkeit. Mittel gegen zuviel Unruhe („monkey mind“= der Affe, der von Ast zu Ast springt)  ist die Disziplinierung zu vermehrter Konzentration und Mittel bei zu viel Ruhe im Sinne von Schläfrigkeit ist die bestimmte (nicht kritisierende, sondern wohlwollend freundliche) Rückkehr zum Meditationsobjekt. Die Kunst zu meditieren besteht darin, die Konzentration auf das Objekt immer und immer wieder geduldig aufzunehmen. Hadern Sie nicht mit sich, wenn ständig Gedanken auftauchen.  Wenn Sie versucht sind, der Schläfrigkeit nachzugeben, bedarf es gleichermaßen entschlossenen Vorgehens. Der Vorteil des klassischen Meditationssitzes besteht darin, dass er der Schläfrigkeit entgegen wirkt.

Was bedeutet das bisher Erfahrene für unsere Praxis der Achtsamkeit? Achtsamkeitsmeditation hat zwei Komponenten. Einerseits wählen wir die Erfahrung, die wir von Moment zu Moment machen, zu unserem jeweiligen Meditationsobjekt. Zum Anderen nehmen wir dabei eine ganz bestimmte Haltung ein: wohlwollend, nicht-bewertend. Im Idealfall entsteht dabei ein Gefühl vollständiger Absorption, das auch als „Flow“ bezeichnet wird. Meditierende berichten von Gefühlen der Mühelosigkeit, als bleibe „die Zeit stehen“.

So mancher Meditierende denkt, dass bei Realisierung dieser Stufe die Definition Meditation hinreichend erfüllt ist. Wenn wir von Samatha-Meditation („konzentrativer Meditation“) reden, die dem Erzeugen geistiger Ruhe dient, so stimmt das. Wir können von Meditation aber weit mehr profitieren.

2Nun ändert sich die Strategie. In einem aktiven Prozeß gelangt der Meditierende von der Fokussierung zu einer allumfassenden Aufmerksamkeit, zu einem rezeptiven (erweiterten) Bewußtsein. Diese Lockerung, Erweiterung läßt einen Zustand entspannter Wachheit entstehen, der auch als „innerer Raum“ bezeichnet wird. In dieser Phase ist analytisches Betrachten möglich. Wenn dabei wieder andere Reize in den Vordergrund drängen, ist es wichtig, sich dessen gewahr zu werden, sich nicht dafür zu kritisieren, sondern sanft zunächst wieder zu Schritt 1 zurückzukehren, den Atem zu betrachten und nach Erreichen des Flows wieder bei Schritt 2 fortzufahren.

3Das rezeptive Bewußtsein, der innere Raum, läßt eine Entwicklung vom Zustand des Denkens zum „Sein“ zu. Man spricht auch von „Identitätsverlagerung„.

4Kontemplationsphase: In der vierten Phase kommt es zur Entwicklung von Einsichten und Verständnis. In der ABST könnte eine solche Einsicht sein, daß das Durchschreiten der Achtsamkeitskaskade zum Loslassen führt.

5Entwicklung von Weisheit: es entsteht ein sicheres Gefühl innerer Weisheit. Einsicht in die Natur des eigenen Schmerzerlebens und die Abhängigkeit des damit verbundenen Leids von automatisierten Denkvorgängen.

In der Achtsamkeitsbasierten Schmerztherapie (ABST) müssen Sie diese theoretischen Kenntnisse nicht zuerst mühsam erwerben, sondern können gleich mit der Praxis beginnen. Selbst wenn Sie sich überhaupt nicht mit der Theorie beschäftigen, kommen Sie in den Genuß der Vorteile dieser Methode, da persönliche Erfahrung und Übung weitgehend diese ausmachen.