Geschichte der Meditation

War früher Meditation ein strenges, rigides und nur auf Religiosität ausgerichtetes Unterfangen und nur einer Elite von Mönchen und Nonnen vorbehalten, die erst nach Prüfungen mit den Geheimnissen der Meditation vertraut gemacht wurden, so steht heute jedermann der Weg zu Meditation offen. Sämtliche Medien stehen uns dabei als Informationskanäle zur Verfügung. Mußte man noch in den 60er-Jahren zu Gurus und Yogis reisen, fanden diese bald den Weg in den Westen und es verbreitete sich die Gewißheit, daß Meditation dem Praktizierenden sehr viele Vorteile bescheren und ein Instrumentarium zur Bewältigung verschiedenster Problemstellungen liefern kann. Dennoch hat die Meditation nie ihre spirituellen Wurzeln verloren. Die Herauslösung aus dem spirituellen Kontext und das Verständnis von Meditation als Tool zur Abhilfe bei den Problemen des 21. Jahrhunderts, ist kontraproduktiv, da ein rein bestimmungsmäßiger Ansatz der Meditation in Form einer Rezeptur die Bemühungen von vornherein scheitern läßt. Meditation dann nämlich nicht mehr als Seinsweise, sondern als intentionsgsteuerte Handlungsweise aufzufassen. Wir holen dann typisch „westliche Denke“ durch die Hintertür herein und lassen Meditation verkommen zu einem Kochbuch-Rezept.

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Erste Formen: Trancereisen der Schamanen

Überall auf der Welt setzten Schamanen, mächtige spirituelle Persönlichkeiten der Jäger-und-Sammler-Kulturen, meditative Praktiken ein, um ein verändertes Bewußtsein in Form von Trancezuständen zu erreichen. Mit dem Übergang zum Ackerbau verschwanden auch die Schamanen zunehmend, finden sich aber immer noch in Nord- und Südamerika, Australien, Indonesien, Asien und Teilen Sibiriens.

Die Technik beruht auf rhythmischem Trommeln, Tanzen oder Singen (Chanten). In einer solchen Trance, die nicht selten durch Halluzinogene (Rauchen, Pflanzenelixiere) unterstützt werden, erlangen sie die Fähigkeit, ihre Körper zu verlassen und Geister-Sphären aufzusuchen, um Botschaften (Weisheiten), heilende und magische Fähigkeiten zu ihrem Stamm zurückzubringen. Sie fungieren als Medizinmänner, Totenführer und Vermittler zwischen Geistern und Menschen.

Inzwischen gibt es auch westliche Schamanen. Die Literatur ist vielfältig und es bestehen zahlreiche Ausbildungsangebote. Wichtigste Literaten sind Carlos Castaneda, Joseph Campbell und Michael Harner.

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Indische Ursprünge

Yogis und Sadhus (heilige Männer) kultivierten in Indien bereits vor 5000 Jahren Meditation. Ausgeführt wird das in den Veden, frühesten indischen Schriften. Mit  einem hohen Grad an Konzentration wurden Gesänge und Rituale von vedischen Priestern ausgeführt. Die Gebetsmeditationen waren eine Kombination aus Atemübungen und Fokussierung auf das Göttliche. Der vedischen Spiritualität entsprangen zwei meditative Traditionen Indiens: Yoga und Buddhismus.

Klassischer Yoga: Patanjali (2. Jahrhundert nach Christus) faßte die Lehren im Yoga-Sutra zusammen. Ziel ist das Erreichen von Samadhi, einen Bewußtseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht und in dem das diskursive Denken aufhört. Es ist ein völliges Aufgehen in dem Objekt, über das meditiert wurde. Es gibt 8 verschiedene Samadhi-Stufen, die schließlich in das Erlöschen des Ich-Gefühls münden.

Buddhismus:Meditation ist ein zentraler Bestandteil der buddhistischen Tradition. Sie ermöglicht es, aus einem intellektuellen Verständnis eine Lebenserfahrung werden zu lassen. Während zeitgenössische Gelehrte zu Buddhas Zeit den Rückzug aus dem Weltlichen lehrten, verbunden mit einer Suche nach ekstatischer Vereinigung mit dem Göttlichen, lehrte Buddha, dass es wichtig sei

  • Einsicht in die wahre Natur der Existenz zu gewinnen und
  • zu erkennen, wie unser Geist Leiden erzeugt.

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Zen

Der Buddhismus wurde Ende des 1. Jahrtausends nah China, Tibet und Japan transportiert und vermischte sich mit den dort etablierten Religionen. So entstand aus Taoismus und Mahayana-Buddhismus Zen, bei dem eine nicht-objektgebundene Meditation (einfach Sitzen) im Vordergrund steht. Betont wurde die direkte wortlose Übertragung der Erleuchtung vom Lehrer auf den Schüler, – ein radikaler Veränderungsschritt. Mit Hilfe von Koans (unlösbare Rätsel wie z.B. „wie sah Ihr Gesicht aus, bevor Ihre Eltern geboren wurden?“) durchbricht der Schüler die Welt der Verhaftung mit der materiellen Welt, gewinnt Einblick in die wahre Natur der Existenz (oberstes Ziel des Buddhisten), die Erleuchtung (Satori).

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Tibetischer Buddhismus

Im 7. Jahrhundert nach Christus kam der Buddhismus über den indischen Meister Padmasambhava aus Indien nach Tibet und wurde dort mit dem Bön konfrontiert. Dort gab es magische Praktiken, Götter und Geister, mit denen sich Padmasambhava erst einmal auseinandersetzen mußte. Einige dieser Geister wurden zu Verbündeten und integriert in den Pantheon tibetischer Buddhas und Dakinis (weibliche Erleuchtete).

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Christliche Meditation

a) Sie besteht in einem kontemplativen (zentrierenden) Gebet, zurückgeführt auf Jesus, der in der Wüste 40 Tage fastete und betete. Der katholische Pater Thomas Keating beschreibt dieses Gebet: Geist und Herz werden für die göttliche Gegenwart geöffnet, indem das Herz zunächst mit Hilfe eines symbolhaften selbstgewählten Wortes gereinigt wird und zu einem Vehikel für Gottes transformierende Kraft wird.

b) Passagen der Heiligen Schrift werden wiederholt rezitiert, wobei festgehalten werden muß, dass dabei weder analysiert oder nachgedacht wird. Solche Rezitationen sind der Mantra-Rezitation vergleichbar. Die tiefere Bedeutung soll sich dabei dem Geist selbst enthüllen.

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Meditation im Judentum

Ziel jüdischer Meditierender ist es, durch konzentrierte Wiederholung eines Mantras näher an Gott zu gelangen oder gar mit diesem eine Einheit zu bilden. Diese Mantras sind Ausdrücke und Verse aus heiligen Schriften (Tora und Talmud).

Meditation bei den Sufis

Sufis sind in den Islam eingebunden. Sufi-Meditation besteht in einer Verquickung von Atemmeditation und Chanten (Singen, Intonieren) und sucht die Einheit mit Gott.

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Amerikanisierung der Meditation

1893 tagte das Weltparlament der Religionen, eine internationale Versammlung religiöser Führer und Lehrer. Asiatische Meister präsentierten ihre Lehren der westlichen Welt. Vor allem der Zen-Mönch Soyen Shaku und später Nyogen Senzaki bereisten die U.S.A. und lehrten. In den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts ließ sich der Yogi Yogananda dort nieder und gründete die Self-Realization Fellowship, die bis heute weltweit Anhänger hat. Es folgte in den 40er Jahren der hinduistische Philosoph Krishnamurti, der Modifizierungen vornahm: Selbsterforschung sollte formale Meditation und religiöse Dogmen ablösen. Aldous Huxlex, einer seiner berühmtesten Schüler, half bei der Verbreitung hinduistischer Schriften.

Ab den 50er Jahren gewann Zen mehr und mehr Einfluß. D. Suzuki, ein japanischer Zen-Mönch lehrte an der Columbia University, zu dessen Schülern die Psychoanalytiker Erich Fromm und Karen Horney zählten. Ein Boom wurde schließlich in den 60er Jahren dadurch ausgelöst, dass die Beatles transzendentale Meditation ausübten. In den 70ern kamen zahlreiche anerkannte Lehrer aus asien in den Westen, unterrichteten buddhistische Philosophie und ethisches Verhalten. Die Botschaft, dass die Abwehr der Geistesgifte und die Befolgung des 8-fachen buddhistischen Pfades geeignet sei, rief die Psychotherapeuten auf die Bühne, die ja definitionsgemäß gleiche Ziele verfolgten. Jon-Kabat Zinn ist wohl der berühmteste Vertreter der Wissenschaftler, die Therapie und Meditation zu einem Konzept verbanden.