Achtsamkeit und Therapie

Der Achtsamkeitsbegriff in der Psychotherapie

Ein zentraler Ansatzpunkt achtsamkeitbasierter Intervention ist ein veränderter Umgang mit emotional herausfordernden Erfahrungen. Ansatzpunkt ist die Nicht-Achtsamkeit: die Dominanz mentaler Prozesse wie Tagträume, Phantasien, Zukunftsgedanken, Erinnerungen, Grübeleien.

Um wissenschaftlich mit Achtsamkeit arbeiten zu können, muß aus dem kulturell-spirituell überlieferten Achtsamkeitskonzept herausgefiltert werden, welche Bestandteile im therapeutischen Kontext tatsächlich wirksam sind und welche eher mystischen Hintergrund haben. Das Herauslösen aus dem spirituellen Kontext ist mit einem Sortiervorgang verbunden, welche Aspekte der Achtsamkeit in der Spiritualität eine Funktion erfüllen, in der Therapie aber nicht hilfreich sind. Das führt dann zu einer vereinfachten operationalen Begriffs-Definition therapeutischer Achtsamkeit ?

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Der Wert solchen Vorgehens?

1. Kliniker benötigen ein konzeptuelles Werkzeug, um ihr Vorgehen lenken zu können.

2. Für die Forschung wird eine Begriffsbestimmung benötigt mit klar definierten Bestandteilen, damit neue Interventionen konstruiert werden können.

Bisher verwendete therapeutische Achtsamkeits-Ansätze in der Psychotherapie unterscheiden sich in dem Umfang, in dem Prinzipien der Achtsamkeit integriert wurden.

Man unterscheidet achtsamkeitsanaloge, achtsamkeitsinformierte und acht- samkeitsbasierte Verfahren.

Achtsamkeitsanalog:
Prinzipien ähneln dem Achtsamkeitsprinzip, sind aber nicht deckungsgleich (z.B. Freuds „gleichschwebende Aufmerksamkeit“).

Achtsamkeitsinformiert:
gezielte Vermittlung achtsamkeitsbasierter Prinzipien, Achtsamkeit ist aber nicht Hauptziel des Verfahrens, sondern eines mehrerer Behandlungselemente (z.B. DBT und ACT, in denen formelle Meditationsübungen nicht realisiert werden). Zur Übersicht hier.

Achtsamkeitsbasiert:
deutlicher Bezug zum traditionellen Achtsamkeitsbegriff, Achtsamkeit ist das Hauptelement, intensive formelle Meditationsübungen werden regelmäßig durchgeführt (z.B. MBCT und MBSR). Zur Übersicht hier. Die Achtsamkeitsbasierte Schmerztherapie (ABST) nach Dr. Peter Tamme zur Behandlung chronischer Schmerzen fällt unter diese Kategorie.

Das Achtsamkeitsmodell bietet erstaunliche Möglichkeiten in unterschiedlichen Bereichen der Psychotherapie. Inzwischen bildet Achtsamkeit nicht nur einen Teilaspekt einiger psychotherapeutischer Verfahren, sondern etablierte sich durch die Entwicklung von spezifischen störungsspezifischen Konzepten zu anerkannten Verfahren mit ständig wachsender Verbreitung.

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Durchgängiges Prinzip

Grundgedanke: sehr vieles von dem, was wir denken, fühlen, tun, ist Folge unbewußter impliziter Prozesse. Hinzu kommt die Beobachtung, daß intentionales Loswerdenwollen aversiver Reize scheitert, d.h. Symptome verstärken sich, wenn man sie weghaben möchte. Ein jedermann geläufiges Beispiel bilden Einschlafenwollen, Juckreiz-Weghaben-Wollen, Entspannen-Wollen. Einhalt gebieten: Schluß mit der Gegnerschaft zum beklagten Symptom. Der Weg: Aufdecken impliziter, automatisierter und dysfunktionaler Denk-, Gefühls-, Verhaltensmuster.

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Wirksamkeitsnachweis

Es gibt kein psychotherapeutisches Verfahren, für das unter Wissenschaftskriterien bei Schmerzpatienten ein Wirksamkeitsnachweis erbracht ist. Das hören Psychotherapeuten natürlich nicht gern. Dennoch erstaunt es, daß gerade aus dem Kreise der Psychotherapeuten immer wieder provokant die Frage gestellt wird, ob denn ernstzunehmende Wirksamkeitsnachweise für achtsamkeitsbasierte Verfahren vorliegen. Zwar gibt es für einige psychotherapeutische Ansätze, die bislang bei Schmerzpatienten zum Einsatz kamen, Wirksamkeitsuntersuchungen, aber eben nicht im Kontext schmerztherapeutischer Behandlungen. Allein aus der Tatsache, daß Verhaltenstherapie erwiesenermaßen bei der Behandlung panischer Angst wirksam ist, vermag diese Erkenntnis sich nicht zwangsläufig auf Schmerzkranke übertragen lassen. Somit können wir diese Diskussion erst einmal zurückstellen. Maß aller Dinge in der traditionellen Psychotherapie wie eben auch in den achtsamkeitsbasierten Verfahren sind die subjektiven Erfahrungen der Betroffenen (Empirie), während die Wissenschaft die Objektivierung anstrebt, also die Fremdbeurteilung durch unabhängige Untersucher. Es ist für die meisten psychotherapeutischen Behandlungsverfahren schlichtweg undurchführbar, die von der Wissenschaft geforderten kontrollierten randomisierten Doppelblindstudien (controlled randomized trials=CRTs) durchzuführen. Da befindet sich ABST in bester Gesellschaft (z.B. der Psychoanalyse). Empirische Studien liegen für die achtsamkeitsbasierten Verfahren in großer Fülle vor, was letztlich dazu beitrug, daß das Achtsamkeitsverfahren für die Behandlung von sog. Impulsstörungen mittlerweile zur Therapie der ersten Wahl avancierte.

Für den Patienten ist es unerheblich, ob Untersucher das Verfahren so oder so beurteilen. Sie wollen Hilfe, nicht auf dem Papier,- sondern erfahrbar, spürbar, schnell, mit wenig Aufwand. So denken auch die Schmerztherapeuten. Ebenso die Kostenträger, es sei denn, die nicht zu erfüllende Forderung nach CRTs kann dafür mißbraucht werden, die anfallenden Kosten abzuwenden. Es kann an Therapeuten, die ABST anwenden, nur appelliert werden, den großen Nutzen der ABST hinsichtlich Wirksamkeit, Eignung zur Gruppentherapie, schneller Erlern- und Vermittelbarkeit nicht durch unangemessen hohe Honorarforderungen zunichte zu machen. Nur wenn die Kostenträger davon zu überzeugen sind, daß mit ABST auch ein unerreichbar günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis realisiert ist, wird die Methode Verbreitung finden können. Nur wenn die Kostenträger auch die Qualifikation der Anbieter prüfen, wird sich sicherstellen lassen, daß erfahrene psychotherapeutische und ärztliche Experten die Therapie begleiten und nicht selbsternannte paramedizinische „Lehrer“ mit zweifelhaften „Pseudozertifikaten“, erworben nach dem Prinzip „Laie prüft für viel Geld Laien“, oder „Nachweisen der Selbsterfahrung“.  Es gibt in dieser Weise unter der Flagge der Achtsamkeit ein erhebliches Ausmaß an pekuniär motiviertem Wildwuchs.