Achtsamkeit und Spiritualität

Achtsamkeit im Rahmen der Spiritualität

Achtsamkeit wird in allen Weltreligionen gelehrt, spielt aber nicht immer die gleichermaßen wichtige Rolle. Nirgendwo wird Achtsamkeit so betont, nirgendwo gibt es darüber so viel Literatur, so viele Monographien und Abhandlungen, nirgendwo findet ein derartiges Schulungsprogramm statt wie bei den Buddhisten. Achtsamkeit ist ein zentrales Element der buddhistischen Lehre. Wie die westliche Psychotherapie schätzt die buddhistische Psychotherapie empirische Betrachtungen, d.h., die subjektiven Erfahrungen der Betroffenen ist das Maß aller Dinge, während die Wissenschaft die Objektivierung anstrebt, also die Fremdbeurteilung durch unabhängige Untersucher.

Buddhismus ist keine theistische Religion. Bei der tiefen Verehrung für Buddha verneigt sich der Gläubige nicht vor einer Gottheit, sondern vor einer erstrebenswerten Geisteshaltung, wie sie bei Buddha in idealer Weise verwirklicht war. Der historische Buddha war kein Gott, sondern ein Mensch namens Siddhartha Gautama, der in jungen Jahren als Sohn einer wohlhabenden Familie ein überbehütetes Leben geführt hatte und in eine Sinnkrise geraten war. Das Lebenswerk Buddhas war der Linderung psychischen Leids gewidmet. Obgleich er jahrelang auf der Suche nach einem tieferen Verständnis für die wahre Natur unseres Daseins bei berühmten Yogis und Meistern studiert und die höchste Form der Meditation praktiziert hatte, war er enttäuscht, daß sich nicht viel geändert hatte, nachdem er wieder aus der Meditation aufgetaucht war. Sorgen, Nöte, Leid bestanden unverändert weiter. Derartige Enttäuschungen sind auch heute vorprogrammiert, solange die Meditation allein auf die Entwicklung innerer Ruhe abzielt (Samatha-Meditation). Langfristige Effekte sind nur bei einer kontext- oder objektbezogenen, auf die Gewinnung von Einsichten abgezielte Meditationsform zu erwarte (Vipassana-Meditation).

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Die Geistesgifte

Er modifizierte sein Vorgehen und wählte fortan seinen eigenen Geist zum Objekt der Meditationen: seine Gedanken, Gefühle, Emotionen, Empfindungen, Erinnerungen, Bilder, Impulse und Reaktionen. Das führte zu einer auf Einsichten basierenden, in Meditation gewonnenen Erfahrung, daß drei Gifte (Zwänge, unheilsame Muster, Automatismen) ursächlich unseren Geist bedrohen:

  • Anhaftung (Verwicklung, unangemessenes Haben-Wollen)
  • Ablehnung
  • Verblendung (Unwissenheit, Festhalten an Konzepten)

Die Tatsache, dass uns diese Begriffe – besonders vielleicht in ihrer ursprünglichen Ausdrucksweise, in der von Gier, Hass und Verblendung die Rede ist – etwas seltsam vorkommen, sollte uns nicht dazu verleiten, gleich (in Form eines Automatismus) abzuschwenken. Schon nach kurzer, von Offenheit getragener, Betrachtung wird jeder Mensch einräumen, – wenn vielleicht zunächst auch nur widerwillig – dass hier ein schwieriger Sachverhalt in unübertreffbarer Kürze auf den Punkt gebracht ist.

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Die Vier Wahrheiten

Buddhas erste Lehrrede ist für das Verständnis des Themas Achtsamkeit sehr hilfreich und läßt Parallelen zu medizinischem Denken erkennen. Die Aussagen werden heutzutage als Buddhas „Vier Wahrheiten“ bezeichnet. Heute würde man vielleicht von Leitsätzen, unabänderlichen Tatsachen, Statements oder einer Agenda sprechen.

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1. Unser Dasein ist problembehaftet, immer wieder wird es aufs Neue leidvoll empfunden (Symptom Leid).

2. Für dieses Symptom, das Leiden, gibt es eine Ursache (Diagnose, Ursache): immer läßt sich das Leiden darauf zurückführen, daß Ablehnung, Anhaftung und Unwissenheit in unangemessener Weise Raum gewährt wurde.

3. Erlöschen die Ursachen, erlischt auch das Leiden. Eine Therapie ist in der Lage, vom Leiden zu befreien (Prognose).

4. Zum Erlöschen des Leidens führt ein 8-Punkte-Programm, der sogenannte achtfache Pfad. Das 8-Punkte-Programm ist das Rezept.

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Das 8-Punkte-Programm zur Minderung von Leiden

Buddha bezog seine Aussagen auf Leiden im Allgemeinen. Ersetzen wir „Leid“ durch „Schmerz“, so ergibt sich ein ein hervorragendes Schmerzbewältigungsprogramm.

Der edle 8-fache Pfad bildet ein ethisches Grundkonzept für ein Leben, das gemäß der buddhistischen Lehre geeignet ist, „gutes Karma“ anzuhäufen und „schlechtes Karma“ abzubauen. Dieses Karma entscheidet darüber, welche Zukunft uns bevorsteht. Weitere Ausführungen würden den Rahmen dieses Buches sprengen, aber auch unsere Kompetenz deutlich überschreiten. Einschlägige Literatur großer buddhischer Lehrer wie dem Dalai Lama oder Thich Nhat Hanh seien dem Interessierten ans Herz gelegt. Bewegt man sich weg von Transzendenz, Spiritualität, Leben nach (und vor) dem Tod und hin zu unseren Alltagsproblemen, die manchmal mächtig sind, ein andermal nur mächtig erscheinen, so macht es Sinn, diese unschätzbaren buddhistischen Weisheiten hervorzuholen, im Idealfall zu eigen zu machen, weil unmittelbar wohltuende und entlastende Veränderungen in und um uns stattfinden werden. Nicht vielleicht, nicht irgendwann, sondern sofort und tiefgreifend. Das läßt sich nach unserer Erfahrung mit eigenen live events und dem jahrzehntelangen täglichen Umgang mit chronisch Kranken, Schwerkranken und Sterbenden ohne Einschränkung und geradezu enthusiastisch postulieren. Wichtig scheint uns in diesem Rahmen die grundlegende Botschaft, dass unser Wohlergehen eben nicht extern (durch Glück, Zufall, Macht, Reichtum, Therapeuten, die Gnade eines Allmächtigen) vermittelbar ist sondern das (zwangsläufige) Ergebnis darstellt unserer eigenen Lebensgestaltung. Wie wir empfinden, wie (mit welcher Quantität und Qualität) wir leiden, hängt davon ab, wie wir mit Unabänderlichem umgehen. Dazu ist es aber unverzichtbar, Unabänderliches erst einmal als solches zu erkennen. Im psychotherapeutischen System würde man sagen: das Einlassen auf diese Denkweise führt zu Eigenverantwortlichkeit, zu internalen (im Gegensatz zu den häufigen externalen) Kontrollattributionen und damit bereits zu einem sehr wesentlichen Gesichtspunkt eines gesunden Krankheitsverständnisses.

1. Rechtes Verständnis

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • Anerkennen von Unabänderlichem
  • Gewahrsein der Realität und des Machbaren

2. Rechte Absicht

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • Anhaftung (am Postulat der Schmerzfreiheit) vermeiden
  • Ablehnung (i.S. von Weghabenwollen) vermeiden
  • in Balance realisierbare Ziele definieren

3.  Heilsame Rede

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • Bedeutsamkeit des inneren Dialogs anerkennen
  • wohlwollend und angemessen über Schmerz kommunizieren

4. Heilsames Handeln

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • Angemessener Umgang mit Einschränkungen
  • Verantwortlich mit sich umgehen

5. Heilsamer Lebenserwerb

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • keine sozialen Vorteile zu Lasten anderer oder der Gesellschaft
  • Arbeitsunfähigkeit und Berentung bleiben letzter Ausweg

6. Heilsame Anstrengung

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • ethisch korrektes Konzept im Umgang mit der Erkrankung
  • Beschränkung auf das Notwendige, Wirksame und wirtschaftlich Vertretbare

7. Achtsamkeit

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • Selbstreflexives Bewußtsein
  • auf gegenwärtiges Erleben ausgerichtete Aufmerksamkeit
  • intentionslose Vergegenwärtigung
  • Selbstwahrnehmung
  • Aufgabe von Verstrickungen in Dysfunktionalitäten*

* = schmerzverstärkende Bilder, Erinnerungen, Bilder, Glaubenssätze, etc.

8. Heilsame Konzentration

im Schmerzkontext könnte das heißen:

  • Meditation als geistige Medizin nutzen
  • aus Einsichten persönliche Erfahrungen machen, die über das intellektuelle Verständnis hinausgehen.

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Buddhas Achtsamkeits-Lehrrede (Satipatthana-Sutta)

In dieser Unterweisung erklärt Buddha den Weg der Achtsamkeit. Danach müsse von Moment zu Moment Aufmerksamkeit gegenüber folgenden Wahrnehmungsinhalten entwickelt werden:

  • allem Körperlichen
  • allen Gefühlsreaktionen
  • allen Geistesqualitäten
  • allen natürlichen Wahrheiten

Die Aufmerksamkeitsobjekte müßten so wahrgenommen werden, wie sie tatsächlich sind: ohne vorschnelles Reagieren, kategorisieren, beurteilen. Buddha sagt dazu:

„Das Gesehene soll lediglich ein Gesehenes sein, das Gehörte lediglich ein Gehörtes, das (durch die anderen Körpersinne) Empfundene lediglich ein so empfundenes, das Erkannte lediglich ein Erkanntes.“

Man kann das auch als eine Form aktiven Nicht-Tuns betrachten: nicht denken, nicht bewerten, nicht assoziieren oder analysieren, nicht planen, nicht vorstellen.

Ziel ist die Einsicht in die wahre „Beschaffenheit der Dinge“:

  • Veränderlichkeit
  • Ungreifbarkeit
  • Nicht-Selbstheit

Die drei Geistesgifte, die vier Wahrheiten und das 8-Punkteprogramm bilden den Kern buddhistischer Lehre.

In der Achtsamkeitsbasierten Schmerztherapie (ABST) nach Dr. Peter Tamme zur psychologischen Behandlung chronischer Schmerzen wird der Begriff der Achtsamkeit operationalisiert, in wirksame Teilbestandteile unterteilt, sodaß in der Einübungsphase leicht erkannt werden kann, an welcher Stelle die Probleme im Umgang mit Achtsamkeit entstehen. Insofern kann auch der spirituelle Umgang mit Achtsamkeit für Einsteiger erleichtert werden.