Achtsamkeit

Gibt es einen „Angriffsort“ für ABST? Wie auf der Übersichtsseite ausgeführt, löst eine emotional belastende Situation einen Alarm aus: zentrales und vegetatives Nervensystem werden übererregbar. Das führt zum Abrufen automatisierter abgespeicherter Programme,-  für ein bestimmtes (inneres) Erleben und ein bestimmtes (äußeres) Verhalten.

Diese Automatismen laufen ohne unser Zutun ab und dienen ursprünglich der Entlastung des Nervensystems und der Zeitersparnis. Man kann also nicht grundsätzlich davon ausgehen, daß Automatismen schädlich sind. Das muß  immer geprüft werden. Vorsicht ist v.a. bei Automatismen auf Gefühlsebene angebracht.

Wenn es um Ablehnung oder Abschottung geht, z.B. bei Verharmlosung, Ignorieren oder Vermeidung bzw. um unangemessene Verstrickung beim Überwältigen-lassen, wird der Schmerz verstärkt und aufrecht erhalten. Es bedarf aktiven Eingreifens, einer Intervention.

Die Intervention verläuft kaskadenförmig in 7 aufeinander folgenden Schritten: der Achtsamkeits-Kaskade. 

Als Gegenmittel zur Übererregtheit wird Ruhe (1) zugelassen (nicht aktiv herbeigeholt). Hierfür gibt es Techniken, die einer gewissen Übung bedürfen. Sie erinnern sich: Entspannung galt bisher als psychotherapeutisches Allheilmittel, das Monotherapeutikum der Schmerztherapeuten. Es wurde bislang sozusagen dem Trinkwasser in Schmerzpraxen zugesetzt. Autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation ermöglichen Entspannung. In der ABST greifen wir zur Meditation. Genauer: einer Samatha-Meditation, einer beobachtenden, fokussierenden Meditation, die innere oder äußere Phänomene zum Objekt nimmt. Das wird im Abschnitt Meditation näher erläutert, muß aber geübt werden: im Kurs und v.a. zu Hause mit Hilfe der CD. Atemmeditation eignet sich besonders gut. Warum? Weil die Atmung ein Paradebeispiel für einen automatisierten Vorgang darstellt, der jederzeit durch eigene Intervention in eine Selbststeuerung übergeführt werden kann.

Durch Einsetzen eines „inneren Beobachters“ (2)wird der Automatisierung Einhalt geboten und auf „Selbststeuerung“ umgestellt (Wahrnehmungs-Komponente)

Der Schritt „Gewahrsein“ (3) verhindert ein Abgleiten in Vergangenheit oder Zukunft, verankert die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt (Aufmerksamkeits-Komponente).

Durch Disidentifikation (4) wird eine innere Distanz geschaffen und verhindert, daß der Betroffene sich mit seinen Wahrnehmungen identifiziert. Ein Teil der Schmerzverstärkung durch Identifikation mit den Gefühlen entfällt hierdurch.

Akzeptanz (5) ist die Vermeidung von Bewertung und Analyse. Es handelt sich entgegen der weit verbreiteten Meinung um einen aktiven Vorgang, der sich ohne vorherige Disidentifikation nur schwer verwirklichen läßt. Stichworte sind: nicht-bewertend, wohlwollend, annehmend).

Gleichmut (6) ist inkompatibel mit Ablehnung/Aversion     einerseits und Habenwollen/Verstricktsein andererseits. Wie Sie sich erinnern werden, ist das Übel ursprünglich damit losgegangen. Mit der Entwicklung von Gleichmut wird dieser Zustand beendet.

Loslassen ist der letzte Schritt der Achtsamkeits-Kaskade. Was wird denn losgelassen? Antwort: das Verstricktsein, die Verwicklung in schmerzassoziierte Gedanken, Gefühle und Emotionen. Durch den Wegfall dieser Verstärker wird das mit Schmerz verbundene Leid verringert.

Das maximal mögliche Ergebnis ist damit erreicht: die Übererregtheit besteht nicht mehr, die Verstrickung in ungünstige Geisteszustände ist verlassen und die automatisierten Reaktionsmuster sind inzwischen aufgegeben worden. Die Eigensteuerung ist zurückgewonnen.

Resultate müssen vom Patienten überprüft werden können. Problematisch wäre die Vorstellung, die Schmerzskala heranziehen zu können. Warum ? Nun, wir hatten uns doch vorgenommen, intentionslos zu üben und uns nicht vorzunehmen, etwas erreichen zu wollen. Vielleicht erleichtert Ihnen der Vergleich mit dem autogenen Training diesen Gedanken: wenn wir beispielsweise bei der Wärmeübung mit innerer Stimme sagen „mein Arm wird ganz warm …“, dann wird nichts passieren. Erst wenn wir uns der bereits vorhandenen Eigenwärme gewahr werden („… mein Arm ist angenehm warm…“), dann wird sich von selbst Wärme einstellen. Hintergrund bilden zwei bio-psychologische Gesetzmäßigkeiten:

1. Jede intentionslose Konzentration auf körperliche Vorgänge hat die Tendenz, sich zu verwirklichen (Arm wird tatsächlich und meßbar wärmer)

2. Jede verwirklichte Konzentration hat die Tendenz zur Generalisierung (… der ganze Körper wird warm …)

Auch die jahrtausendalte Achtsamkeitserfahrung wie auch der inzwischen angewachsene Erfahrungsschatz achtsamkeitsbasierter Therapien postuliert: Erfolg stellt sich nur dann ein, wenn er nicht ursprünglich intendiert war.

Woran erkenne ich, ob ich losgelassen , Gleichmut und Akzeptanz entwickelt habe?

Ich bin am Ziel,  wenn ich einen Zustand der Homöostase erreicht habe: innere Ruhe, Stabilität, Offenheit (allgemeines Ergebnis)

Ich bin am Ziel, wenn ich Verstrickungen in schmerzassoziierte intuitive Reaktionen loslassen konnte. Das wiederum kann ja nur geschehen sein, wenn eine Gewahrsein erfolgte, eine Disidentifikation, eine Akzeptanz und Gleichmut entwickelt wurden.