Achtsamkeit

Definition

Achtsamkeit besteht darin, die eigene Aufmerksamkeit absichtsvoll und nicht-wertend auf das bewußte Erleben des gegenwärtigen Moments zu richten.  Im wissenschaftlichen Sinn ist Achtsamkeit eine aktiv-problemlösende Bewältigungsstrategie (ein sog. Copingstil). Aufmerksamkeit beschreibt eine Haltung, in der die Aufmerksamkeit konsequent auf die Erfahrung des Augenblicks gerichtet ist und jeder Moment möglichst vollständig mit all seinen Facetten erfaßt wird. Die aktuellen Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmungen werden weder weiter bearbeitet oder analysiert, sondern lediglich ohne Wertung zur Kenntnis genommen. In der Achtsamkeitsbasierten Schmerztherapie (ABST) nach Dr. Peter Tamme wird dieses Prinzip in einer klinischen psychologischen Anwendung im Rahmen der Schmerztherapie aufgegriffen.

_spacer

Verwandte Begriffe

  • Reflexives Bewußtsein
  • intentionslose Vergegenwärtigung
  • Gewahrsein
  • Selbstwahrnehmung
  • kritiklose Selbstbeobachtung (Freud)
  • auf das gegenwärtige Erleben ausgerichtete Aufmerksamkeit
  • „innerer Beobachterposten“ (passiv, wohlwollend, nicht-wertend)
  • Verweilen im Hier und Jetzt (ohne Vorlieben, Erwartungen, Wünsche)
  • nichturteilender und annehmender Bewußtseinszustand

Infragestellen des ständigen Zwangs,

  • denken
  • differenzieren
  • werten
  • interpretieren und
  • agieren zu müssen

_spacer

Aspekte der Achtsamkeit

Je nachdem, wie intensiv und extensiv ich mich der Achtsamkeit verschreibe, erreiche ich unterschiedliche Fähigkeiten und profitiere natürlich auch in unterschiedlicher Weise  von dieser Praxis. Achtsamkeit kann gesehen werden als eine

  • Methode der Aufmerksamkeitslenkung (Grad 1)
  • eine Bewußtseins-Disziplin (Grad 2)
  • eine innere Haltung (Grad 3)

_spacer

Kontexte der Achtsamkeitspraxis

Achtsamkeit hat einen hohen Stellenwert als

  • elementarer Bestandteil gelebter Spiritualität
  • eine Therapie-Option
  • Beitrag zu Lebensqualität und Wohlbefinden

_spacer

Die Grundüberlegung

Unachtsamkeit ist der Normalzustand. Achtsamkeit bedarf der aktiven Bemühung.

Betrachten wir eine emotional belastende Situation. Sie ist mit einemaversiven Gefühl verbunden, einer ablehnenden Einstellung. Folge ist eine Übererregtheit von zentralem und vegetativem Nervensystem. Automatismen werden in Gang gesetzt in Form von stereotyp ablaufendem inneren Erleben und äußerem Verhalten.

Automatisiertes Denken und Verhalten untergräbt unsere Gefühlswelt und bestimmt weitgehend unsere Handlungen. Solange wir nicht aktiv den Autopilotenmodus ausschalten, führt uns dieser ohne daß wir selbst bestimmend sind für unsere Gefühlswelt. Selbstbestimmtheit setzt also voraus, daß wir diesen Prozeß intellektuell verstehen und Erfahrung darin sammeln, selektiv das geistige Automatiezentrum auszuschalten.

Das Ausschalten geschieht durch eine einfache Technik: man begibt sich ins Hier und Jetzt. Dise Vergegenwärtigung muß bewußt und intentionslos geschehen. Körper und Geist werden in Übereinstimmung gebracht, sie eilen einander nicht voraus und hinken einander auch nicht hinterher.

Die Anwendung von Achtsamkeitsprinzipien  hilft, ungünstige Geisteszustände frühzeitig zu erkennen, aus ihnen auszusteigen und (ohne es primär anzustreben) Veränderung zu bewirken.

_spacer_spacer

Anwenderkreis und Vorraussetzungen

Achtsamkeit steht jedermann offen und kann unabhängig von kulturellem, religiösem und weltanschaulichen Hintergrund praktiziert werden. Da wir es mit einem Lernvorgang zu tun haben, ist das Ausmaß an Fortschritten weniger eine Frage von Talent und Eignung als vielmehr von persönlichem Einsatz (scherzhaft formuliert: weniger eine Frage der Inspiration als vielmehr der Transpiration). 

Sie verlangt dem Anwender einiges ab:

  • Offenheit für unbekannte Sichtweisen
  • Entschlossenheit
  • Eigenverantwortlichkeit
  • ein gewisses Maß an Hingabe, Einsatz und Disziplin
  • Geduld mit eigener Starrheit und Bequemlichkeit
  • Vertrauen (in die eigene „innere Weisheit“)
  • Ausdauer trotz immer wiederkehrender Hindernisse und Rückschläge

_spacer

Entwicklung über die Jahrtausende

Die Achtsamkeitspraxis hat ihren Ursprung im Buddhismus und wurde dort entwickelt und perfektioniert, um Leid zu lindern und Einsichten in die wahre Beschaffenheit der Dinge zu fördern. Sie fand in den späten 1960er Jahren Eingang in die westliche Medizin, wo sie dazu herangezogen wurde, verschiedene körperliche und seelische Leidenszustände günstig zu beeinflussen. Mit zunehmendem Wissen, Erfahrung und Entmystifizierung der Achtsamkeit fand sie Eingang in die Behandlung zahlreicher somato-psychischer Erkrankungen und avancierte zum Teil sogar zum Verfahren der 1. Wahl.

In neuerer Zeit spielt sie auch in Deutschland eine immer größer werdende Rolle. In den letzten Jahren fand das Thema „Achtsamkeit“ zunehmend Beachtung durch die wissenschaftliche Forschung. Die drängenden Fragen waren: Was sind die spezifischen Effekte und Wirkmechanismen?

_spacer

Wissenschaftlich bewiesene Effekte

Es zeigen sich nachweisliche Effekte im Hinblick auf geringere Anhaftung oder Aversion auf emotionale Herausforderungen, weniger Vermeidungsstrategien, verbesserte Affekttoleranz, geringere physiologische Reaktivität sowie eine intensivere und klarere Gefühlswahrnehmung.

 

_spacer

Wirkprinzip

1. Schritt: Entwicklung einer Haltung und Kompetenz

bewußt – absichtslos – gegenwärtig – nicht-bewertend

2. Schritt: Dinge neu erfahren

  •   neuer Umgang mit Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen
  •   intentionslose Vergegenwärtigung bewirkt Veränderung

3. Schritt:  Veränderterter Umgang mit belastenden Emotionen 

Entschleunigung, Loslassen, Balance finden

_spacer

Komponenten der Achtsamkeit

Sie dienen nicht nur didaktischen Überlegungen, um Achtsamkeit schrittweise zu vermitteln, sondern auch zur Diagnostik, -wenn herausgefiltert werden soll, welche Teilkomponenten besonderer Förderung bedürfen.

1. Aufmerksamkeit:  gegenwärtig
2. Haltung:   nicht-wertend, absichtslos
3. Wahrnehmung: annehmend
4. Einsichtsvolles Verstehen: Dinge mit innerer Distanz betrachten

_spacer

Mögliche Resultate

  • Entschleunigung
  • Innerer Frieden (Stille und Zufriedenheit vs. Zerstreutheit u. Unzufriedenheit)
  • Einsichten („klarer Geist“)
  • Entspannung (Nebeneffekt)
  • Intensiveres und bewußteres Leben
  • Gelassenheit in Stress-Situationen
  • Keine Fortsetzung der Kriegführung sondern Verlassen des Schlachtfeldes
  • Aufgabe von Strategien, die darauf abzielen, ein inneres Ereignis loszuwerden